Ein bisserl Freude bringen
„Einherz-Clowns“ im Vincentinum
Nicole Heid hat einen blauen Plastikeimer mit Wischmopp dabei und schlüpft in einen weißen Malerkittel, den Kinderhände mit bunten Blumen, Herzen, Luftballons und anderen Motiven verziert haben: „Den haben mir meine Neffen so wunderbar bemalt“, lacht die 59-Jährige. „Frühjahrsputz“ lautet das Clown-Motto an diesem Freitagnachmittag.
Zusammen mit vier weiteren Mitstreiterinnen des Vereins „Einherz-Clowns“ tritt die Literaturwissenschaftlerin, die im normalen beruflichen Alltag in der Marktforschung arbeitet und künstlerische Lesungen in Cafés gibt, heute im Senioren- und Pflegeheim „Vincentinum“ im Münchner Lehel auf. 1857 gegründet, war es ehedem das erste Seniorenheim der Stadt. Träger der traditionsreichen Einrichtung ist der St. Vinzentius-Zentralverein.
Clown-Sein als Lebenseinstellung
Die Einherz-Clowns besuchen soziale Einrichtungen, kostenlos und ehrenamtlich. Im Altenheim schauen die fröhlichen Spaßmacher seit rund vier Jahren einmal im Monat vorbei. Clown-Sein, das ist für alle Vereins-Mitglieder eine Art Lebenseinstellung: „Mit einer liebenden Grundhaltung aufmerksam durchs Leben gehen, in den alltäglichen Aufgaben und Begegnungen das spielerische Potential sehen“, heißt es auf ihrer Homepage.
Und auch Heid möchte mit ihren Auftritten „ein bisserl Freude in die Welt bringen“. „Lulu“, so lautet ihr Clown-Name, rückt noch einmal die Herzchenbrille auf ihrer rot betupften Nase zurecht, ebenso die wippenden rosa Flamingo-Kopfantennen im Haar, dann geht’s in wenigen Augenblicken los.
Die Frühlingssonne strahlt vom blauen Himmel und im Gartencafé, der „Oase“, haben sich bereits erwartungsfrohe und zumeist schon hochbetagte Hausbewohnerinnen und -bewohner an mehreren Gartentischen versammelt, viele sitzen in Rollstühlen. Kaffeegeschirr klappert, auch Kuchen gibt es. Einige lachen sofort beim Anblick der bunt verkleideten Truppe los, andere sind anfangs eher zurückhaltender. „Ich hab noch den Charlie Rivel bei Zirkus-Auftritten gesehen, der war großartig – die sind aber auch ganz gut“, sagt Heimbewohnerin Marion Schmidt (78).
Jede Clownin geht ganz individuell auf ihr jeweiliges Gegenüber ein, mal stürmischer, mal behutsamer: „Wir wollen auch bei dementen Senioren schöne Erinnerungen wachrufen“, sagt Clownin Michaela Falthauser (58). Sonst arbeitet sie in einer Münchner Kinderzahnarztpraxis, heute ist sie der personifizierte Frühling, trägt einen über und über mit Blumen beklebten Regenschirm, ein oranges Tutu und einen Blumenhaarkranz.
Abwechslung im Alltag
„Das ist einfach eine wunderbare Abwechslung für unsere Leute und auch die Mitarbeitenden“, freut sich Georg Fleischer (52). Seit über 20 Jahren wirkt der evangelische Theologe bereits im Vincentinum. Außer für seelsorgliche Angelegenheiten ist er auch für das breitgefächerte Freizeitprogramm im Haus zuständig – von Gymnastik und Erinnerungsarbeit bis zu gemeinsamen Ausflügen und Singstunden. Fleischer hat selbst einmal eine Grundausbildung zum Clown gemacht. Als „Tulpen aus Amsterdam“ angestimmt wird, singt er aus vollem Hals mit. Die Clown-Damen verteilen Tulpen, fordern zum Tänzchen und Schunkeln auf, lassen die Wischmopps tanzen und Seifenblasen in den Himmel steigen, spielen mit ihren Handpuppen und gratulieren auch noch einem Mitarbeiter spontan zum Geburtstag.
Nach einer guten halben Stunde zieht man weiter in die oberen Stockwerke zu einigen Zimmer-Besuchen, Hierbei geht es ruhiger zu. Leise singen Lulu und ihre Clown-Kollegin Maren Fraas (58), alias „Schnupsi“, mit einer bettlägerigen Bewohnerin „Alle Vöglein sind schon da“, streichen ihr sanft über die Wangen. Dankbar leuchten die Augen der alten Dame.
Wieder draußen am Gang schnieft Schnupsi einmal kurz unter ihrer roten Clownnase: „Die alten Menschen geben uns immer viel mehr zurück, als wir ihnen schenken können. Unsere Auftritte sind einfach traumhaft schön. Hinterher sind wir selbst immer viel glücklicher und beseelter als zuvor.“
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