Ein Ort, an dem Vertrauen wachsen kann
Landschulheim Schloss Grunertshofen
Es ist kurz nach elf Uhr am Vormittag. Die Pausenglocke ist gerade verstummt, auf dem Schulhof des Landschulheims Schloss Grunertshofen kehrt langsam Ruhe ein. Vor wenigen Sekunden war hier noch Kinderlachen zu hören, schnelle Schritte über den Pausenhof und laute Stimmen. Jetzt laufen die letzten Schülerinnen und Schüler zurück in ihre Klassen. Der helle Schulhof wirkt offen und freundlich, ein Basketballfeld ist auf den Boden gezeichnet. Der Unterricht beginnt wieder.
Das Landschulheim Schloss Grunertshofen liegt idyllisch, mit viel Grün umgeben, im Landkreis Fürstenfeldbruck. Hinter den Mauern steckt weit mehr als Schule. Das Landschulheim ist Lebensraum, Lernort und Zuhause auf Zeit zugleich. In heilpädagogischen Wohngruppen leben Kinder und Jugendliche, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihren Familien wohnen können. Sie brauchen vor allem eines: Struktur und verlässliche Beziehungen.
Zwischen Verantwortung und Fachkräftemangel
Für Einrichtungsleiterin Susanne Lüttge liegt die Stärke des Landschulheims im Zusammenspiel aller Bereiche. Schule, Jugendhilfe, Wohngruppen, Kindergarten und Hort arbeiten eng zusammen. „Uns bringt zusammen, dass wir eng vernetzt miteinander arbeiten,“ sagt Lüttge. Die Kinder bringen oft schwierige Voraussetzungen mit: Verhaltensauffälligkeiten, Schulprobleme oder Belastungen aus dem Elternhaus. Um darauf reagieren zu können, gibt es verschiedene Betreuungsformen – von Tagesgruppen bis zur vollstationären heilpädagogischen Wohngruppe. Doch auch hier in Grunertshofen macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar: „Es ist mittlerweile recht schwer geworden, Personal zu finden, das stationär über Tag und Nacht sowie an Feiertagen und Wochenenden arbeiten möchte“, erklärt Lüttge. Die Einrichtung geht deshalb neue Wege und hat Fachkräfte aus Kolumbien eingestellt. „Unsere Erwartungen waren, dass sie Berufserfahrung mitbringen und offen für dieses Experiment sind.“ Ein Beispiel dafür, wie soziale Arbeit heute neue Lösungen finden muss.
Lernen durch Vertrauen und Selbstständigkeit
Im Schulgebäude herrscht konzentrierte Ruhe. In einem hellen Klassenzimmer arbeitet eine zweite Klasse selbstständig an ihren Aufgaben. Kein klassischer Frontalunterricht, sondern individuelles Lernen. Hier unterrichtet Ruth Maier. Sie erklärt den heilpädagogischen Ansatz: „Wir sind eine ganz normale Grund- und Mittelschule und unterrichten nach dem bayerischen Lehrplan. Aber wir arbeiten ganz eng mit den Gruppen zusammen. Dadurch können wir ganz anders arbeiten als Schulen draußen.“ Anders bedeutet vor allem individueller. Maier setzt bewusst auf Selbstständigkeit. Schon die Jüngsten schreiben Hausaufgaben selbst auf, kontrollieren ihre Aufgaben und verbessern Fehler eigenständig. „Viele Kinder haben eine erlernte Hilflosigkeit. Aber eigentlich möchte jedes Kind lernen. Man muss es ihnen nur zutrauen.“ Für sie ist Selbstwirksamkeit entscheidend. „Der Stolz, der beim Kind entsteht, wenn es merkt: Ich habe das selber geschafft – das macht ganz viel aus.“ Dabei gilt für sie ein klarer Grundsatz: „Ich behandle nicht jedes Kind gleich. Denn es gäbe nichts Unfaireres, als alle gleich zu behandeln.“ Jedes Kind lernt anders und braucht individuelle Unterstützung. Gleichzeitig geben feste Abläufe Orientierung. „Die Kinder wissen immer, wie der Tag aussieht. Sie wissen, was auf sie zukommt.“
Der Alltag in der Wohngruppe
Am Nachmittag verlagert sich das Leben in die Wohngruppe. Nach dem Mittagessen räumen einige Kinder die Spülmaschine aus, andere wischen Tische oder erledigen Aufgaben in ihren Zimmern. Jeder hat seinen Dienst. Anna Falkner, angehende Erzieherin, begleitet die Kinder im Alltag. Nach den Diensten geht es nach draußen, später folgt die Lernzeit. Danach bleibt Raum für Freizeit oder gemeinsame Aktivitäten. „Ganz viel Stabilität erlangen die Kinder bei uns durch die vorgegebene Struktur. Dadurch entstehen Routine und Rituale,“ erklärt Falkner. Die Kinder in der Wohngruppe sind zwischen sieben und fünfzehn Jahre alt. „Jeder bringt sein eigenes Päckchen mit und hat seinen eigenen Förderbedarf“, sagt Falkner. Entscheidend ist für sie vor allem die Beziehung. „Ich würde sogar sagen, Beziehung ist ein Grundstein. Durch die Beziehung kommt man an die Kinder ran.“ Vertrauen entsteht im Alltag – beim Spielen, bei Hausaufgaben oder in Gesprächen. „Dadurch erfahren die Kinder: Die Person ist für mich da. Und der kann ich vertrauen.“ Besonders schön sind für Falkner gemeinsame Ausflüge. „Wenn man bei den Kindern sieht, dass es ihnen Spaß macht und dass es ihnen hier gut geht, sind das besondere Momente.“
Das Landschulheim Schloss Grunertshofen zeigt, was soziale Arbeit leisten kann. Hier geht es um weit mehr als Betreuung. Es geht um Beziehung, Vertrauen und darum, Kindern einen Ort zu geben, an dem sie ankommen und wachsen können.
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